{"id":619,"date":"2015-07-24T21:56:16","date_gmt":"2015-07-24T19:56:16","guid":{"rendered":"https:\/\/berndfischer.com\/?page_id=619"},"modified":"2015-10-20T10:01:01","modified_gmt":"2015-10-20T08:01:01","slug":"interview-stefan-reis-and-bernd-fischer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/berndfischer.com\/en\/references\/texts\/interview-stefan-reis-and-bernd-fischer\/","title":{"rendered":"Interview Stefan Reis and Bernd Fischer"},"content":{"rendered":"<h3>Erschienen im \u201eMain Echo\u201c, Aschaffenburg, am Freitag den 26.09.2008, auf Seite 26<\/h3>\n<p>Wie kam es dazu, als K\u00fcnstler Workshops f\u00fcr Unternehmen anzubieten?<br \/>\nDas geschah eher passiv: Ein Unternehmen &#8211; eine Beratungsfirma &#8211; kam auf mich zu und fragte an, ob ich einen Workshop f\u00fcr Mitarbeiter geben k\u00f6nnte. Interessant daran war: Innerhalb des Unternehmen konnte sich jede Abteilung einen Workshop nach eigener Wahl w\u00fcnschen &#8211; und eine dieser Abteilung wollte eben mit einem K\u00fcnstler arbeiten. Bislang hatte ich das Gl\u00fcck, dass ich immer angesprochen wurde &#8211; auch, weil die Unternehmen \u00fcber meinen Lehrauftrag an der St\u00e4delschule auf mich aufmerksam wurden. Inzwischen verweise ich nat\u00fcrlich auf meiner Internetseite auf diese Referenzen.<\/p>\n<p>Wie gestaltet sich die Arbeit in solchen Unternehmens-Workshops? Sie arbeiten dort ja auch mit Vertretern des gehobenen Managements: einer Klientel also, die eher selten ihre Entscheidungen in Frage stellt &#8211; sich bei Ihnen aber in einer Unterrichtssituation befindet.<br \/>\nDie Teilnehmer haben im Gegensatz zu Kunstsch\u00fclern kein zielgerichtetes Anliegen. In der Regel ist der Workshop eine Auflockerung in einem gr\u00f6\u00dferen Konferenz- oder Tagungsrahmen: Meist geraten die Teilnehmer dann in eine Situation, um die sie zuvor gar nicht wussten &#8211; sie werden also zun\u00e4chst \u00fcberrascht und stellen sich dann auf die Aufgabe ein. Vom Unternehmen ist der Workshop nat\u00fcrlich gewollt &#8211; aber aus Sicht der Teilnehmer muss man ihn eher als ein Zufallsereignis sehen.<\/p>\n<p>Und wie bringen Sie die Teilnehmer dazu, mit der neuen Situation umzugehen?<br \/>\nMeine Aufgabe sehe ich darin, innerhalb der spezifischen Rahmenbedingungen eines Workshops Aufgabenstellungen zu entwickeln die Erfolgserlebnisse nahe legen. Ich m\u00f6chte die Teilnehmer, die sich vielleicht nicht \u00bbbegabt\u00ab f\u00fcr Kunst halten oder es bewusst auch gar nicht sein wollen nicht \u00dcberfordern, im Gegenteil: es geht mir darum, Freude am Malen wecken. Dabei spielen Verhaltensweisen eine gro\u00dfe Rolle: Sich beim Malen mal so richtig austoben zu k\u00f6nnen, einfach auch mal Farbklecksereien zu veranstalten: Das ist ganz menschlich und wird auch bei diesen Workshops ausgiebig genutzt &#8211; soll es ja auch. Das ist befreiend, gerade in der Unternehmens-Hierarchie sehr weit oben Stehende k\u00f6nnen da auch mal aus ihrer Rolle ausbrechen und sich einfach dem &#8211; ihrem &#8211; Spa\u00df hingeben. Das ist ein Moment, den ich sehr sch\u00f6n finde und auch sehr begr\u00fc\u00dfe. Es kann in diesem Erlebnis der Keim zu einer weiterf\u00fchrenden Besch\u00e4ftigung mit Malerei oder eine ver\u00e4nderte Wahrnehmung von Kunst liegen.<\/p>\n<p>Talente werden also nicht zwingend gesucht und gef\u00f6rdert.<br \/>\nNein, \u00fcberhaupt nicht. Talentsuche f\u00fcr bildende K\u00fcnstler ist hier nicht das Thema. Wenn ich bei einem Teilnehmer ein k\u00fcnstlerisches Talent bemerke gehe ich gerne darauf ein und versuche es im Rahmen der Gegebenheiten zu f\u00f6rdern. Wichtiger in diesen Workshops ist die m\u00f6gliche Erkenntnis individueller, bisher unbekannter F\u00e4higkeiten &#8211; beispielsweise f\u00fcr intuitives Handeln, f\u00fcr \u00c4sthetik, f\u00fcr kreative Problembew\u00e4ltigung -. Viele Teilnehmer halten diese Workshops f\u00fcr \u00bbanstrengend\u00ab: Das ist eine Standardantwort.<\/p>\n<p>Was wird als anstrengend empfunden?<br \/>\nVor allem den \u00e4sthetischen Moment zu kreieren. Da bricht ein altes Klischee \u00fcber Kunst durch: Man denkt, man vermengt einfach ein bisschen Farbe, schmiert sie auf die Leinwand &#8211; und fertig ist moderne Kunst. Und pl\u00f6tzlich stellt man fest, dass es an einer Stelle etwas nachzubessern gilt und an einer anderen die Proportionen nicht stimmen &#8211; und pl\u00f6tzlich verheddert man sich in dem, was einem zuvor so einfach erschien. Man versucht, wieder die Herrschaft \u00fcber das Geschehen zu bekommen und muss Entscheidungen treffen, konzentriert sein, permanent in der Gegenwart bleiben. Aber: Auf diesem Weg gibt es Sch\u00f6nheit zu entdecken, auch ein Anliegen der Kunst. Das ist mir sehr wichtig, das sehe ich als einen Ansatz f\u00fcr diese Workshops. Die Teilnehmer sollen sich da ganz und gar ausleben k\u00f6nnen, sollen ihre Phantasie und Kreativit\u00e4t entdecken. Zu erwarten, dass man als Teilnehmer die Kunst des Malens \u00bblernt\u00ab: Das ist nicht der Fall.<br \/>\nEs gibt zwei Aspekte, auf die Teilnehmer von Ihren Workshops immer wieder verweisen: zum einen die aufkommende innere Ruhe w\u00e4hrend der Arbeit &#8211; zum anderen der Stolz, dass die Arbeiten in den Unternehmen meist dauerhaft gezeigt werden. Es erfordert Mut, im Beisein von Arbeitskollegen etwas zu tun, was neu ist. Im Grunde ist es wie das Erschlie\u00dfen neuer M\u00e4rkte: Man geht ein Risiko ein, man darf und will sich keinen Flop leisten. Im Workshop hat der nat\u00fcrlich keine gravierenden Auswirkungen, aber: Der Teilnehmer lernt, mit seinem selbst auferlegten Druck umzugehen. Er wei\u00df, dass er sich etwas trauen kann, ohne dass es gleich Konsequenzen hat. Und nat\u00fcrlich ist es ein gutes Gef\u00fchl, wenn der Arbeitgeber dieses sich-trauen w\u00fcrdigt, indem er die \u201eBelege\u201c davon in den Firmenr\u00e4umen ausstellt.<\/p>\n<p>Konnten Sie sich zu Beginn ihrer K\u00fcnstler-Laufbahn vorstellen, dass der harte Faktor Wirtschaft die Hilfe des weichen Faktors Kunst in Anspruch nehmen w\u00fcrde?<br \/>\nNein. Aber im Grunde ist die Vorstellung nahe liegend. In den USA buchen Unternehmen Jazz-Workshops, um ihren Mitarbeiten Improvisation und Kreativit\u00e4t &#8211; zwei wesentliche Elemente des Jazz &#8211; zu vermitteln. Der Gedanke ist also so einzigartig nicht. Ich selbst profitiere ja auch davon, finde beispielsweise die Entwicklung von Wirtschaft sehr spannend.<\/p>\n<p>Und wie entwickelt die sich aus Sicht des K\u00fcnstlers?<br \/>\nEs ist eine Binsenweisheit, aber sie ist wahr: Wirtschaft wird immer st\u00e4rker auf Wissen und Entscheidungsf\u00e4higkeit und auf Weiterentwicklung von interdisziplin\u00e4rer Teamarbeit setzen. Das ist f\u00fcr Kunst, die ja auf das Individuum setzt, eine wirklich spannende Erkenntnis. Aber als K\u00fcnstler registriere ich auch, dass beispielsweise bei der optischen Darstellung und Wahrnehmung ein zunehmender Analphabetismus gegeben ist.<\/p>\n<p>Ist das eine bildungspolitische Kritik?<br \/>\nNein, das ist ein Beobachten des Zeitgeistes und seiner technischen M\u00f6glichkeiten. Nehmen wir den Renaissance-K\u00fcnstler Piero de la Francesca, der ein Buch \u00fcber kaufm\u00e4nnisches Rechnen geschrieben hat &#8211; zu einer Zeit ohne einheitliches Ma\u00dfsystem. F\u00fcr Kaufleute war also eine optische Erkenntnis ohne fassbare Daten notwendig: heute unvorstellbar. Moderne Verkehrsleitsystemen beispielsweise reduzieren Sprache auf sofort erkennbare Zeichen &#8211; ein Widerspruch zu jeder optischen Erfahrung, die auf differenzierter Wahrnehmung aufbaut. Wir leben zwar in einer Informationsflut, die aber optisch unsensibel und sogar unintelligent ist. Hier ist ein riesiges Potenzial, an dem \u00d6konomie und Kunst miteinander arbeiten k\u00f6nnten. Den Rahmen eines Workshops w\u00fcrde das allerdings sprengen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/berndfischer.com\/en\/teaching\/business\/\">\u00bb Workshops\u00a0by Bernd Fischer<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen im \u201eMain Echo\u201c, Aschaffenburg, am Freitag den 26.09.2008, auf Seite 26 Wie kam es dazu, als K\u00fcnstler Workshops f\u00fcr Unternehmen anzubieten? 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