Gedenkstätte „Arbeitserziehungslager“ Heddernheim

Film: Das Textlaufgerät im Bunker der Gedenkstätte,
» Buber-Neumann-Weg / Ludwig-Reinheimer-Straße, Frankfurt/Main 

Textlaufgerät in einzeiliger Ausführung
Gehäuse: Aluminium, schwarz lackiert, frontseitig mit Acrylglasabdeckung
Höhe 16 cm x Breite 330 cm x Tiefe 10 cm
Schriftfeld: Länge 315 cm, Zeichenhöhe 7 cm
LED: Leuchtfarbe: Rot, Stärke 0,5 cm

Vorgabe und Aufgabenstellung

Zur Information über das „Arbeitserziehungslager“ Heddernheim (1942−1945) sollte auf einem kleinen Teil des ehemaligen Lagergeländes eine neue Gedenksituation hergestellt werden.

Das mitten in einem Wohngebiet gelegene Gelände hat mehrere Sitzmöglichkeiten, die neu angelegten Grünflächen und eine großzügige Treppenanlage entsprechen einem Platz, an dem man verweilen und sich ausruhen kann. „Unter“ dieser neu gestalteten Anlage liegt ein kleiner Teil des historischen Lagerbodens. Der andere Teil des ehemaligen Lagergeländes ist heute ununterscheidbar von der übrigen Bebauung in dem Stadtteil aufgegangen.

Die Gestaltung musste sich in die gegenwärtige Platznutzung einfügen und über die Menschenrechtsverbrechen, die auf dem Platz einst begangen worden waren, informieren.
Zur Aufgabe gehörte es außerdem, den für eine Gedenktafel relativ umfangreichen Text so zu gestalten, dass die Besucher zum Lesen angeregt werden.

Gestaltung

Bernd Fischers Vorschlag war es, den Informationstext in dem einzigen, historisch erhaltenen Raum zu platzieren. Dieser wird im Volksmund „Bunker“ genannt. In diesem Gewölbe soll das Lagergefängnis gewesen sein.
Die sehr düstere Anmutung des „Bunkers“ erscheint wie eine Analogie des an diesem Ort Geschehenen.
Das Konzept, die sinnlich komplementäre Wirkung einer LED-Textlaufanzeige dem in mehrfacher Hinsicht dunklen Raum entgegenzusetzen, wurde realisiert.

Einblicke in die Gedenkstätte „Arbeitserziehungslager“ Heddernheim, Textlaufgerärt im "Bunker"

Einblicke in die Gedenkstätte „Arbeitserziehungslager“ Heddernheim. Das Textlaufgerärt im „Bunker“

Heute schauen die lesenden Besucher von außen in den mit Gitterstäben verschlossenen Bunker hinein. Sie sehen eine aus der schmutzigen Backsteinwand heraustretende Leuchtschrift, die das ehemalige Lager und die verbrecherischen Taten der Nationalsozialisten sachlich beschreibt. Hell leuchtend quert der aufklärerische Text in stetiger Bewegung den düsteren Raum einstigen Leidens.
Obwohl das installierte Textlaufgerät wie viele Werbe- und Informationsanzeigen aussieht, entfaltet es in diesem Ort und in dieser Funktion eine ganz andere Wirkung.
Das unerwartete Leuchten aus der Finsternis, die laufende Bewegung der Schrift machen neugierig und regen zum Lesen an.

Zu Fischers Konzeption gehörte, dass weitere Informationen im Internet zum einfachen Abrufen bereitgestellt werden. Ein an der Gedenkstätte angebrachter QR-Code führt heute direkt auf die vom Institut für Stadtgeschichte veröffentlichten und betreuten Internetseiten zum Arbeitserziehungslager Heddernheim.
Außerdem regte Bernd Fischer an, dass eine Online-Weg-Führung zu dem etwas versteckt gelegenen Areal im Internet bereitgestellt wird und zur Navigation aufgerufen werden kann.

Der Text

In der Zeit des Nationalsozialismus bestand im Frankfurter Stadtteil Heddernheim von April 1942 bis März 1945 ein von der Geheimen Staatspolizei geführtes „Arbeitserziehungslager“. Insgesamt etwa zehntausend Personen, fast ausschließlich Männer, waren hier interniert. Sie stammten überwiegend aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern und leisteten Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie und anderen Industriezweigen, in Gewerbebetrieben, in der Landwirtschaft, bei der Reichsbahn oder bei der Stadtverwaltung. Gesichert ist, dass mindestens 60 Frauen als Sträflinge in diesem Lager waren.
Offizielle Gründe für die Einweisung waren häufig angebliche Nichterfüllung der Arbeitspflicht und Verstöße gegen erniedrigende Vorschriften, denen insbesondere Zwangsarbeiter aus Osteuropa unterworfen waren. Oft vollzog die Gestapo die Einweisung aufgrund einer Denunziation. Zu den Gefangenen zählten auch Deutsche, darunter Juden, Insassen des Polizeigefängnisses, Regimegegner sowie unangepasste Jugendliche.

Ein Appellplatz mit Wachturm sowie ein sogenannter Bunker dienten der Bewachung, Einschüchterung und Bestrafung. Drei Baracken, für 180 Personen geplant, waren zeitweilig mit über 400 Gefangenen belegt. Sie mussten in Sträflingskleidung wochen- und monatelang bei unzureichender Ernährung Schwerstarbeit leisten, meist außerhalb des Lagers für verschiedene Firmen.

In Anspielung auf eine berüchtigte französische Strafkolonie hieß das Lager bei der Bevölkerung „Cayenne“. Tatsächlich aber herrschten hier einem Konzentrationslager ähnliche Lebensumstände. Fesselung und brutale Misshandlungen waren an der Tagesordnung, und mancher der Häftlinge hat die Tortur der „Straferziehung“ nicht überlebt. Auch fanden im Lager mehrfach Hinrichtungen statt. Viele Insassen wurden vom Arbeitserziehungslager schließlich in ein Konzentrationslager deportiert.
Im März 1945 zwang man die Häftlinge auf einen Evakuierungsmarsch in Richtung des Konzentrationslagers Buchenwald, der bis zum Vogelsberg gelangte. Der Sieg der Alliierten über das „Dritte Reich“ beendete dieses grausame Kapitel nationalsozialistischer Herrschaft auf dem Boden der Stadt Frankfurt am Main. (Textlaufgerät, Stand: 11.2018)

Auftraggeber: Kulturamt, Stadt Frankfurt am Main
Gestaltungskonzeption: Bernd Fischer
Projektsteuerung: Kulturamt Frankfurt am Main
Ausführung der LED-Anzeige: Neon Zentgraf Lichtwerbung GmbH, Frankfurt am Main
Projektlaufzeit: Auftragserteilung 2012/13, Fertigstellung 2016, Einweihung: 2018

» Die nicht realisierten Gedenkstelen für die AEL-Gedenkstätte in Heddernheim

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