FRANKFURT „Sterne so hoch – Erde so nah“: Schau zum 70. Geburtstag von Bernd Fischer in der Ausstellungshalle
Manchmal muss man nur ein Weilchen warten. „Seine Sachen machen“, wie Bernd Fischer sagt, und Geduld haben. Was indes naturgemäß für keinen Künstler einfach ist. Und wenn man sich wie der 1954 geborene Fischer erst einmal vor allem fehl am Platze fühlt, vermutlich ohnehin. Hatte er sich doch mit künstlerischen Ambitionen an der Offenbacher Hochschule (HfG) eingeschrieben, die damals, Mitte der Siebzigerjahre, noch ganz der Gestaltungslehre nach dem Ulmer Modell verpflichtet war, während hier seinerzeit die freie Kunst noch herzlich wenig galt. Sodass „ich immer quer gelegen habe“.
Bis Fischer im dritten Semester in einer Ausstellung Michael Croissants „sofort elektrisiert“ war und er in dessen Bildhauerklasse an die Städelschule wechselte. „Er hat mir eine Welt eröffnet, die ich an der HfG gesucht habe.“ Und: „Von ihm habe ich gelernt, alles infrage zu stellen.“ Was womöglich wenigstens auch ein Grund ist dafür, dass man von Fischer bis zum heutigen Tag kaum Plastiken oder Skulpturen kennt. Sondern vor allem Bilder.
Oder dass er, nach einer ersten Ausstellung in Hans Sworowskis legendärer Galerie ak und nach ersten Auszeichnungen wie dem Reinhold-Kurth-Preis der Frankfurter Stadtsparkasse, für ein paar Jahre weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand. „Ich dachte, das ist der Anfang meiner Karriere, und dann kam erst einmal nichts. Gar nichts.“
Weshalb die mit wesentlichen Werkgruppen aus 30 Jahren den Besucher überraschende Präsentation, die ihm die Ausstellungshalle aus Anlass seines 70. Geburtstags eingerichtet hat, tatsächlich Fischers erste große Einzelschau in Frankfurt seit bald 40 Jahren vorstellt. Was allemal erstaunlich ist. Denn es mag ja sein, dass der Prophet im eigenen Land wenig gilt. Doch angesichts der Qualität dieses vornehmlich in der Fläche sich manifestierenden Schaffens mag man es kaum glauben. Faltet die „Sterne so hoch – Erde so nah“ überschriebene Ausstellung von den frühen Siebdrucken über die Porträts bis zu den Arbeiten in Kohle, Ölstift und Pastell ein durchaus weites, aber allemal konsistentes und mit staunenswerter Konsequenz entwickeltes OEuvre auf.
Mit Arbeiten wie den mehrteiligen, auf radiologischen Aufnahmen der Schädelbasis beruhenden und als kosmische Landschaften lesbaren Tableaus etwa, die zunächst einmal vor allem malerisch gedacht erscheinen. Mit der im Frankfurter Zoo entwickelten Nashorn-Serie vor allem auch, mit der sich Fischer den mittlerweile gestorbenen Rhinozerossen Kalusho und Tsororo näherte. Und keineswegs zuletzt mit einer Serie wie der gleichfalls „sur le motif“ entstandenen Zeichnungsfolge „Im Bestand“, die sich wesentlich auf eine einzige gemeine Fichte fokussiert – auf ihre Erscheinung, den Kontext bisweilen oder ein Detail. Und mithin darauf, wie sich der Baum, wie sich die Wahrnehmung indessen auch – des Künstlers wie des Kunstbetrachters – im Lauf der Jahreszeiten zusehends verändert.
Kurzum, eine Entwicklung, die auf den ersten Blick durchaus verblüfft. Und einen doch erst mal ein wenig durcheinander bringt, wenn nun Fischer sich und den Besucher vor den Blättern fragt, „ob das jetzt am Ende reaktionär“ sei. Eine Frage immerhin, wie sie wohl nur ein Künstler stellen kann. Dabei stimmt schon, war es Fischer bis dahin immer wichtig, auf der Höhe der Zeit zu sein mit seinen Arbeiten. Was sich nicht nur in den je bevorzugten Themen, sondern immer auch in der Technik und in dem gewählten Material spiegelt. Und jetzt das. Papierarbeiten, die sich ihrem Gegenstand über Tage, Wochen, Monate und Jahre nähern und in denen Licht und Wetter, Düfte und Erscheinung sich immer wieder ändern.
Mal sträubt sich das Material, werden vielleicht die Ölstifte im Winter hart oder will das Aquarell nicht trocknen. Und doch kommt Fischer seinem Gegenstand mit jeder Zeichnung, jedem Blatt ein kleines bisschen näher. Folgen auf die zunächst bescheidenen Skizzen, Studien und Details bald groß und größer sich ausnehmende Blätter, die Fischer zunächst schlicht „Nashorn“, dann mit den Namen der beiden Tiere betitelt, und lädt einen endlich der Künstler angesichts des auf Glas gemalten Bullen „Kalusho“ in Lebensgröße ein, gleichsam mit ihm gemeinsam den Prozess zum Bild zu gehen. Dass er darüber hinaus auf die Kunstgeschichte, auf Dürer etwa – der freilich nie ein Rhinozeros gesehen hat – und auf Jean-Baptiste Oudrys „Clara“ aus dem 18. Jahrhundert sich bezieht, muss man derweil nicht einmal wissen.
Vielmehr ist die Arbeit an den Nashörnern ganz im Gegenteil nur vor dem Horizont der Gegenwart verständlich. „Ich wollte keine Fotografie, keine wissenschaftliche Abbildung, keine expressive Interpretation, keinen flüchtigen Eindruck“, erläutert Fischer unterdessen sein Vorgehen. „Ich wollte mir durch das Anschauen der Tiere ein Bild von ihnen machen.“ Buchstäblich. Ein Bild freilich, das sich immer wieder neu und anders darstellt. Merke er doch, wenn er zeichne, immer, „dass die Dinge anders aussehen, als ich dachte“. Ein nachgerade philosophischer Gedanke. Wenn er nicht zuletzt für diese Haltung im Sommer den Ilse-Hannes-Preis erhält, mag man das allemal als Ausweis eines wo nicht skeptischen, so doch zumindest kritischen Bewusstseins interpretieren. Und zugleich als Indiz einer mit zunehmendem Alter gewachsenen künstlerischen Souveränität.
Beleg eines von Neugier geleiteten Blicks vor allem auch und einer Haltung, die in einem Baum, einem Ast und einem Zweig mitunter eine ganze Welt gespiegelt findet. „Die Welt ist so schön“, sagt Fischer. „Eigentlich.“ Schließlich ist er nicht naiv. „Reaktionär“ wird man seine Kunst denn auch im Ernst nicht nennen wollen. Von sanfter Melancholie grundiert, das schon. Man muss nur warten können. Und seine Sachen machen. Das Staunen, so lehrt „Sterne so hoch – Erde so nah“ ganz unaufdringlich den Betrachter, das Staunen kommt dann von ganz allein.
CHRISTOPH SCHÜTTE
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.04.2025, S. 18
